Es gab schon oft Momente in der Geschichte, an der die Menschheit hätte innehalten sollen, um ihren technologischen Fortschritt kritisch unter die Lupe zu nehmen. Der klassische Fall ist sicher der der Entwicklung der Nuklearwaffen. Aber auch andere Beispiele zeigen, dass nicht alles, was machbar ist, auch getan werden sollte, ganz aktuell ja die zunehmende Videoüberwachung.
Aber darum soll es jetzt nicht gehen, denn eigentlich ist dieser Aspekt der Auseinandersetzung mit technischem Fortschritt ein alter Hut, zwar brandaktuell, aber eigentlich gibt es nicht mehr viel dazu zu sagen, denn, mal abgesehen von unserer neoliberalen 'Elite', verstehen die allermeisten Menschen, dass auch technische Anwendungen ihre Grenzen haben müssen.
Ich möchte hier auch bewusst den Aspekt der militärischen Nutzung auslassen, auch wenn einige Technologien überhaupt erst aus derartigen Interessen entstanden sind; eine militärische Nutzung von Technik ist immer ein Missbrauch derselben, und um den soll es hier nicht gehen.
Denn ein anderer Aspekt des Fortschritts wird oft zu gerne vergessen. Was ist der Ursprung der Technologie? Warum haben die Menschen das Rad erfunden, das Feuer gezähmt, Metall zu schmieden begonnen, sich die Elektrizität zunutze gemacht...?
Not macht erfinderisch, so sagt man, und es stimmt tatsächlich auch. Seitdem Menschen zum ersten Mal Werkzeuge erschaffen und benutzt haben, galt Technologie primär einem Ziel: Das Leben der Menschen zu verbessern.
Das war anfangs freilich vor allem eine Frage des Überlebens, weil mit einem Speer oder Pfeil und Bogen ein wildes Tier wesentlich einfacher und sicherer zu erlegen ist, und man erst mit einem Messer allerlei nützliche Dinge wiederum aus dessen Überresten gewinnen kann. Als dann langsam mit Beginn der Antike das nackte Überleben nach und nach in den Hintergrund rückte und im 20 Jahrhundert in den Industrieländern ein fast gänzlich gelöstes Problem war, kamen weitere Aspekte hinzu: Erleichterung mühevoller Arbeit, Zeitersparnis bei wenig interessanten Arbeitsabläufen, erhöhte Sicherheit bei gefährlichen Tätigkeiten, Entwicklung von Heilmitteln gegen vormals tödliche Krankheiten usw. usf.
Und dann kam der Kapitalismus. Mit dem Aufstieg des kapitalbasierten Unternehmertums, der den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit begleitete, wandelte sich der Sinn und Wert von Technologie grundlegend. Ihr Zweck wurde voll und ganz erfüllt durch Effizienz- und Effektivitätssteigerung der industriellen Warenproduktion, und so nimmt es nicht wunder, dass zu dieser Zeit der Großteil der Bevölkerung keinen wirklich gestiegenen Nutzen aus ihr mehr zog. Das änderte sich erst langsam und mühselig im 20. Jahrhundert, wenn auch nur teilweise. Weiterhin blieb ein wesentlicher Zweck von Technik die verbesserte Warenproduktion der Kapitalisten, aber für eine begrenzte Zeit funktionierte der Ausgleich zwischen Technisierung, Redundanz menschlicher Arbeitskraft und Entstehung völlig neuer Industrie- und Wirtschaftszweige.
Doch je mehr sich jenes Jahrhundert dem Ende neigte, desto mehr verschoben sich die Verhältnisse.
Die Steigerung der Produktivität wurde größer als die Nachfrage nach menschlicher Arbeit. Das große Problem des aufkommenden 21. Jahrhunderts, weit größer noch als das Energieproblem (denn die Lösungen dafür sind mehr technologischer Natur denn politischer), ist die Arbeitslosigkeit. Genauer gesagt, macht der Kapitalismus sie zum Problem. Es hat sich die schon früher gehegte Vermutung bestätigt, dass mit steigenden Möglichkeiten der Automatisierung und zuletzt mit dem Aufstieg des Computers die alten Modelle von Arbeit und Wirtschaft mehr und mehr versagen.
Ursprünglich war es nun einmal so, dass jeder, soweit er konnte, seinen Beitrag leistete zum Fortbestand der menschlichen Zivilisation. Die Arten der Tätigkeiten wandelten sich natürlich fortlaufend, aber das änderte nichts an den grundlegenden Verhältnissen. Heute jedoch sind wir an einem kritischen Punkt angelangt: Je weiter die Zeit voranschreitet, desto mehr Arbeit wird redundant, durch Maschinen ersetzt, oder einfach überhaupt nicht mehr benötigt. Wie die Gesellschaft bislang darauf reagiert, sehen wir ja: Aktionismus zur Bekämpfung des Un-Problems der Arbeitslosigkeit unter Beibehaltung nicht zukunftsfähiger Gesellschaftsmodelle.
Vollbeschäftigung ist ein Märchen. Deshalb ist es auch falsch, auf Arbeitslosen herumzuhacken, auch jenen, die nicht arbeiten wollen. Wenn eh nicht genug Arbeit für alle da ist, warum ärgern wir uns dann über diejenigen, die sogar freiwillig (!) darauf verzichten? Das ist vollkommen absurd.
Aber schauen wir uns an, wie sich die Verhältnisse sinnvoll entwickeln könnten, sollten, wenn man eine zukunftsfähige Zivilisation will. Der neoliberale Wirtschaftsfaschismus kann offensichtlich und auch nicht überraschend keine Lösung hierzu liefern. Was aber dann?
Es wäre denkbar, die individuelle Arbeitszeit generell in Anpassung an die Entwicklung zu verringern, bei weiterhin gleichbleibender oder gar steigender Bezahlung. Das wäre sicherlich zum Nachteil der Unternehmensgewinne, aber diese taugen nicht als Maß der Dinge. Genauer gesagt taugen sie zu garnichts.
Eine solche Lösung wäre dennoch nur temporär, da der Fortschritt ja nicht stehenbleibt. Bei durch Produktivitätssteigerung sinkender Arbeitszeit würde ein üblicher Arbeitstag irgendwann nur noch vier Stunden dauern. Drei Stunden. Zwei. Eine. Eine halbe. Ab einem gewissen Punkt macht auch das keinen Sinn mehr.Irgendwann gibt es auch dazu keine Alternative, als Arbeit völlig freiwillig machen zu lassen.
Ich habe bisher nur die Erwerbsarbeit betrachtet, d.h. Arbeit zur Erwirtschaftung eines persönlichen Einkommens. Selbst wenn wir diese Utopie wahr werden lassen würden, wäre sie nur eine vorrübergehende Lösung, bis irgendwann auch beim besten Willen die Arbeit nicht mehr so aufgeteilt werden kann, dass jeder einen Teil davon leisten kann. Dann macht Kapital endgültig keinerlei Sinn mehr, das Geld und damit auch das Finanzwesen werden überflüssig. Auf so einem technologischen Niveau ist das Geld als Hilfsmittel zur Verteilung der Güter völlig überflüssig, weil so wenige Menschen so viele Güter herstellen, dass es keinen funktionierenden Markt mehr geben kann. Der Kapitalismus schafft sich mittels des technologischen Fortschritts früher oder später automatisch selbst ab.
Manch einer würde einwenden, was denn all die Arbeitslosen dann mit sich und ihrer Zeit anfangen würden. Die Antwort ist: Jeder was er mag.
Was würdest Du denn tun, wenn es kein Geld mehr gäbe, niemand für seinen Lebensunterhalt arbeiten muss, und nur ein paar wenige, weil ihnen zufällig genau diese Tägigkeiten Freude bereiten, produktiv tätig sind?
Es würde ein neues Zeitalter anbrechen. Das Zeitalter der Kunst. Ohne Erwerbsarbeit gibt es auch keine Freizeit bzw. deren Unterscheidung von der Arbeit. Die Menschen wären immer noch tätig, aber auf andere Weise. Man könnte das Buch schreiben, das man mangels Zeit und Nerven am Feierabend nie zustande gebracht hätte. Oder die Welt bereisen. Neue Orte, Dinge und Menschen entdecken. Das Zeitalter der Kunst ist auch das Zeitalter der Wissenschaft. Denn wenn Forschung keine Kostenfrage mehr ist, was könnte dann alles erreicht werden, ohne Budgetzwang und wirtschaftliche Hintergedanken?
Die Menschen würden ganz einfach das tun, was sie selbst für sinnvoll erachten. Ganz nebenbei fallen dann dabei auch die wenigen Dinge darunter, die Menschen noch machen müssen, um sich am Leben zu erhalten. Heute arbeiten viele Menschen nur, weil sie es müssen. Wenn sie könnten, würden viele ihre Arbeit an den Nagel hängen. Nicht aus Faulheit (welche die alten Griechen übrigens als Tugend erachteten), sondern weil sie keinen Sinn für sich in ihrer Tätigkeit sehen, meistens zu Recht. Denn vieles wird gemacht um einem objektiven, äußeren Nutzen zu genügen - Produktion von Waren, die am Markt verkauft werden, sowie Mehrwert für das Kapital. Die meisten Menschen wollen etwas tun, aber etwas worin sie ihren eigenen, subjektiven Sinn erkennen. Deshalb gibt es auch heute schon ehrenamtliche Helfer für alles mögliche, freie Kunst usw.
Das beste Beispiel sind unsere Gärten. Da placken sich Leute ab mit fast schon archaischen Geräten und minimaler oder keiner Motorisierung, um ein bißchen Gemüse heranzuziehen, das eh nicht genug ist um nur davon zu leben. Und das auch noch unentgeltlich, ja, sie zahlen sogar dafür, wenn sie z.B. Gartengeräte kaufen! Völlig ohne Zwang. Weil sie darin eine Erfüllung finden, einen inneren Sinn. Es spielt keine Rolle warum sie das gerne tun. Aber das gute Gefühl dabei gibt dieser Arbeit recht.
Und so muss es irgendwann überall aussehen: Kein Zwang mehr, sondern Erfüllung. Selbstverwirklichung. Und hier wiederum kommt die Technologie ins Spiel. Sie befreit die Menschen nach und nach von Tätigkeiten, in denen nur wenige ihre Erfüllung finden, und gibt ihnen dadurch die Möglichkeit und Zeit, den Dingen nachzugehen, die sie gerne tun. Erst dann gibt es wirkliche Freiheit. Erst dann wird die Menschheit erwachsen werden und zu einem selbstbestimmten Dasein gelangen.
Und, so abgedroschen das auch klingen mag, das größte Hindernis auf dem Weg in eine solche wirklich freie Gesellschaft ist der Kapitalismus. Er muss möglichst bald verschwinden, weil es besser für alle wäre wenn es heute geschieht denn in einigen Generationen, wenn er sich selbst auflösen muss. Denn sonst blüht uns bis dahin vor allem Knechtschaft, Überwachung, Unterdrückung. Dann würde Demokratie endgültig zur Technokratie, der schlimmsten aller Diktaturen. Noch ist es nicht zu spät, sie zu verhindern.
Der erste Schritt auf dem Weg in eine bessere Zukunft ist, Arbeitslosigkeit nicht mehr als Problem zu betrachten, sondern als Teil der Lösung. Denn die Arbeit im gegenwärtigen Sinne ist kein Zukunftsmodell.
Samstag, 28. Juni 2008
arbeitslosigkeit ist teil der lösung!
Labels: _gedankenverbrechen, _zeitgeschehen
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